Eine kleine Geschichte – ein bisschen imperiale Philosophie, wie wir sie sehen.
Ein Kamel und ein Esel zogen einmal gemeinsam des Weges. Das Kamel schritt in ruhigen weitausgreifenden Schritten, während der Esel ungeduldig dahinwetzte und alle naselang stolperte.
„Woher kommt es“, fragte der Esel „dass ich ständig in Schwierigkeiten gerate, auf die Nase falle und mir die Hufe abschürfe, obwohl ich sorgsam auf den Boden schaue, während du deine Augen starr auf den Horizont gerichtet hältst und dabei so schnell und doch ganz mühelos rennst?“
„Dein Problem ist“, erwiderte das Kamel, „dass deine Schritte zu kurz sind und dass es, sobald du etwas erblickt hast, zu spät ist, um deine Schritte noch zu korrigieren. Du blickst ständig nach allen Seiten und bewertest nicht, was du siehst. Du glaubst, Hast sei Schnelligkeit; du bildest dir ein, du könntest durch Herumschauen sehen. Ich schaue geradeaus, um herauszufinden, was zu tun ist, wenn das Ferne näher kommt. Ich behalte auch im Kopf, was zuvor geschehen war, und muss mich nicht danach umdrehen und stolpern. So wird das, was dir verblüffend und schwierig erscheint, klar und einfach.“
„Sufi – Wege zum Selbst“ Indries Shah, mit freundl. Genehmigung: gelbe Reihe, Eugen Diederichs Verlag